Warum ausgerechnet Borkum? Okay, man könnte sagen, wegen der obszön schönen Sonnenuntergänge, oder dass man mit dem zweiten Mal schon eine Tradition begründet.

Jedenfalls waren wir nun zum schon zum zweiten Mal mit unseren Studierenden im Master Sustainable Marketing & Leadership der Hochschule Fresenius auf der Insel.  Borkum, die westlichste der ostfriesischen Inseln,  ist ein Ort, an den man, wie kaum einem anderen, das Zusammenwirken von Natur, Wirtschaft und Gesellschaft, aber eben auch die vielen möglichen Konflikte, erkennen kann. Zum einen liegt die Insel Borkum mitten im Naturerbe Wattenmeer, denn 2009 wurde das deutsche und niederländische und 2014 auch das dänische Wattenmeer von der UNESCO in die Liste des Welterbes aufgenommen. Damit reiht sich das Wattenmeer mit anderen Naturwundern, wie dem Grand Canyon in den USA, dem Geirangerfjord in Norwegen oder dem australischen Great Barrier Reef in eine Reihe ein. Ohne Zweifel ist Borkum mit dem Wattenmeer eine wichtige und oft atemberaubend schöne touristische Destination. Besonders, wenn man, wie Markus aus dem aus dem 2. Semester betont, auch noch im Herbst „supertolles Wetter“ mit fast hochsommerlichen Temperaturen genießen darf.

Die Exkursion nach Borkum ist  für die SML-Studenten aller Semester und die Alumni (denen leider meist die Zeit fehlt) angelegt. Ziel ist es, Gemeinschaftserlebnisse mit Nachhaltigkeitslernen zu verbinden. Sina aus dem 3. Semester, die als erfahrene Eventmangerin die Exkursion auch vorbildlich  geplant hat, fand es, wie ihre Kommilitonen und Kommilitoninnen, besonders spannend, dass man sich einmal in Ruhe zwischen den verschiedenen Semestern (SML startet in der Regel zwei Mal im Jahr) kennenlernen kann. Für ihre Kommilitonin Jessica war die ländliche Ruhe besonders schön, und dass man einmal völlig entspannt mit dem Fahrrad fahren konnte. Welcher unglaubliche Kontrast zu ihrer derzeitigen Heimatstadt Köln. Ana hingegen hat vor allem die Zeit am Strand genossen, und dass man sich beim Schaukeln nochmal wie ein Kind fühlen kann: „Wir haben auf jeden Fall eine Super-Zeit hier verbracht“, sagt sie am letzten Abend. „Wir haben hier eine unfassbar tolle Teamdynamik“, bestätigt Hannah aus dem 2. Semester.

Die Region um Borkum hat sich nun den letzen Jahren zu einem Gravitationszentrum der Energiewirtschaft entwickelt, außerdem will Borkum europaweites Vorbild für die Europäische Energiewende werden. Neben den Windparks, wie dem ersten deutschen Offshore Windpark Alpha Ventus und dem im näheren Küstenbereich liegenden Windpark Riffgatt, gibt es direkt in Sichtweite im niederländischen Eemshaven noch ein großes umstrittenes Kohlekraftwerk der RWE. Problematisch wird es dann, wenn man sieht, dass dieses Kraftwerk unmittelbar an das Weltnaturerbe Wattenmeer grenzt. Noch problematischer wird es, wenn die Fahrrinne der Ems ausgebaut wird um immer größeren Kohleschiffen die Zufahrt zum Kraftwerk zu ermöglichen. Auch befindet sich dort eines der größten Rechenzentren Europas, das sowohl auf die Energie, als auch auf den Zugang zu Kühlwasser angewiesen ist. Am Rande der Wattführung konnte man auch erfahren, dass es der Wirtschaft und der Verwaltung in Deutschland immer schwerer fällt, große Projekte zu stemmen. Die Geschichte von Pleiten, Pech und Pannen bei der Erschließung der Nordseeenergie kann locker mit der des Berliner Flughafens oder des Opernhauses im heimischen Köln mithalten.

Jedes Jahr gibt es etwa 2,5 Millionen Übernachtungen von rund 300.000 Feriengästen, zudem erkunden auf Borkum jedes Jahr rund 60-70.000 Menschen das Watt. Auch hier stellt sich die klassische Frage, wie man Naturschutz, Soziales und Wirtschaft in Einklang bringen kann. Hinzu kommt gerade im Watt die Frage, wie man umweltpolitische Bildung ermöglichen, das Wissensbedürfnis der Menschen erfüllen und gleichzeitig den Schutz des wertvollen Habitats gewährleisten kann. Jedenfalls ist das Watt ein extrem spannendes Biotop. Deshalb waren die Studierenden vor allem von der durch den Ingenieur und Architekten Berend „Tüte“ Baalmann von der Watthanse redegewandt geleiteten Führung begeistert. Für einige Studenten war es der allererste Besuch im Watt. Sina war vor allem von den vielen Informationen rund um die Biologie des Wattenmeers begeistert, dass man zum Beispiel nur fünf Sanddornbeeren braucht, um den Vitamin-C Bedarf eines ganzen Tages zu decken (ich habe dann den Studenten abends ein Fläschchen von der legendären Borkumer „Fasanenbrause“ mitgebracht, um sich von der medizinischen Wirkung alkoholisch gelösten Sanddorns im Selbstexperiment zu überzeugen). Aber auch andere Pflanzen auf den Salzwiesen und im Watt sind essbar oder haben manchmal überraschende medizinische Wirkungen. Für André aus dem zweiten Semester waren dagegen die Überlebensstrategien der Tierwelt das Highlight, etwa wie schnell sich Herzmuscheln wieder in den Boden eingegraben können. Auch wurde deutlich, dass weder der Begriff Nahrungskette noch Nahrungspyramide wirklich zutrifft, es ist ein erschreckend grausames Netzwerk von fressen und gefressen werden.

David war vom Kontrast zu den vermüllten Stränden anderer Länder beeindruckt, was für ihn davon zeugt, dass es eben auch anders geht. Auch wenn die Vermüllung auf den ersten Blick kein allzu großes Problem zu sein scheint: Das Watt ist nicht nur eine hochgradig gefährdete Naturregion, sondern auch unser Fenster zum Klima. Auf der einen Seite ist es fast einmalig auf dieser Welt, auf der anderen Seite führen Klimawandel, Erhöhung der Wassertemperatur und Überdüngung zu massiven Veränderungen von Fauna und Flora.

Die Inseln und das Watt sind nicht zuletzt unser aller Bollwerk zum Meer. Dieses Bollwerk ist aber durch den Klimawandel und den damit verbundenen Anstieg des Meeresspiegels massiv gefährdet. Ohne Klimaanpassungs- und Schutzmaßnahmen wird man den Herausforderungen kurzfristig nicht nachkommen können, ob das langfristig überhaupt möglich ist, sei dahingestellt