Für die Ringvorlesung „Wirtschaft im Zeitgeschehen“ in den Bachelor-Programmen der Hochschule Fresenius habe ich ein kleines Glossar „Digitalisierung“ und „Digitale Transformation“ erstellt, das ich hier gerne auch mit den Studierenden im Master „Sustainable Marketing & Leadership“ und darüber hinaus teile. (Lutz Becker, v. 1.3 – Stand: März 2017)

 

Additive Verfahren Vulgo: 3-D Druck. Das Erzeugen dreidimensionaler Objekte auf Basis von digitalen (Vektor-) Daten. In der Metallverarbeitung neben spanabhebenden Verfahren (Schleifen, Bohren, Drehen, Fräsen etc.) und materialverformenden Verfahren (z. B. Schlagen, Schmieden) durch die Digitalisierung als drittes Verfahren relevant geworden.
Arbeit4.0 Arbeit4.0 stellt die Frage nach Beschäftigungschancen sowie fairer und gerechter Arbeit vor dem Hintergrund der Digitalisierung. Ebenso spielen Perspektiven der New Work Bewegung, die an menschlichen Bedürfnissen orientierte Gestaltung von Arbeit sowie das Konzept des (bedingungslosen) Grundeinkommens eine Rolle. Auch als sozialer Gegenentwurf zur industriepolitischen Perspektive von -> Industrie4.0.
Atypische Arbeit Hierzu gehören u. a. Teilzeitbeschäftigung, Leiharbeitsverhältnisse, befristete Jobs oder bestimmte Formen von Freiberuflertum und (Schein-) Selbständigkeit. Im Rahmen der Plattformisierung erfolgt die Zuordnung zwischen Arbeitsangebot und Nachfrage zunehmend event-gesteuert und automatisiert. Kritik: Die so genannte Uberisierung der Arbeit oder Gig-Economy, führen zu zunehmend unsicheren Lebensverhältnissen und haben negative Folgen für die Sozialsystem mit dem Risiko der Prekarisierung breiter Schichten (siehe auch: -> Arbeit4.0)
Augmentation/

Augmented Reality

Erweiterung, Ergänzung oder Verstärkung von sensorischen Wahrnehmungen der Realität mit Hilfe von Informationstechnologie („mixed reality“). Z. B. das Einblenden von Objektinformationen mittels einer Datenbrille.
Big Data Die Verarbeitung großer Datenmengen in hoher Geschwindigkeit aus einer Vielzahl von Quellen, wie sie etwa vom -> Internet of Things erzeugt werden. Beispiele: Auswertung von Verkehrsdaten aus Fahrzeugen,  von Fitnesstrackern um Krankheitssymptome zu identifizieren (Disease Management), Auswertung von Bewegungsdaten durch Sicherheitsbehörden. Big Data Projekte scheitern mitunter an mangelnder Homogenität und Integrität der Daten und Datenquellen sowie Fragen des Datenschutzes.
Blockchain Kryptografisches Verfahren, das quasi eine Notariatsfunktion bietet. So können etwa Transaktionen ohne zwischengeschaltete Intermediäre und Agenten (z. B. Geldinstitute) unter Sicherstellung der Integrität und Nachvollziehbarkeit erfolgen (Bitcoin). Disruptives Potenzial besteht zum Beispiel für die Finanzindustrie und die Energiewirtschaft. Mangels institutionalisierter Kontrolle (Bankenaufsicht) Gefahr von exzessiver Spekulation und Marktmanipulation.
Business Development Institutionationalierung des Umgangs mit Diskontinuitäten und deren Instrumentalisierung  im Rahmen einer strategischen Unternehmensführung. Dazu gehören insbesondere: (1) Konzeption und Implementierung von Strategien in sich wandelnden Märkten (2) Ausweitung bestehender Marktzugänge und Kanäle (Internationalisierung, Broadening und Deepening) (3) Erschließen neuer Geschäftsoptionen und -modelle (Business Innovation) (Becker, 2010)
CRISPR Beispiel für -> Konvergenz: Die biotechnische Methode CRISPR/Cas-Methode (Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats) dient dazu, DNA-Sequenzen zu zerschneiden, entfernen, einzufügen oder auszuschalten (Genome Editing). CRISPR eröffnet als Basistechnologie Optionen zur Behandlung von Krankheiten, Optimierung von Saatgut und das Synthetisieren künstlicher Organismen
Digitalsierung Die Repräsentation analoger Entitäten in digitaler (nicht materieller) Form. Als wirtschaftliche und gesellschaftliche Herausforderung: „Alles was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert.“ (u. a. von Angela Merkel) Damit kann sie als Ermöglicher und Träger neuer Kombinationen im Sinne Josef Schumpeter (1911) verstanden werden
Disruption Eigentlich „Disruptive Innovation“. Methodisch umstrittene und stark technologiezentrierte Reinterpretation Schumpeterschen Gedankengutes durch Clayton M. Christensen’s (1997). Neue Technologien, die zunächst ein Nischendasein fristen, können im Zeitverlauf andere Produkte, Dienstleistungen und Konzepte verdrängen (siehe bei Schumpeter:„Veränderung der Bahn“ und „kreative Zerstörung“)
Emergenz Das Entstehen übergeordneter (Organisations-) Strukturen und Muster in Folge von Konvergenz, die sich aus den einzelnen Elementen nicht oder allenfalls nur bedingt erklären lassen.
Industrie4.0 Der Begriff wurde im Jahr 2007 im Rahmen der HighTech Strategie der Bundesregierung entwickelt und im Rahmen der CeBIT propagiert. Impliziert, dass wir am Anfang einer 4. industriellen Revolution stehen. Problematisch, weil er vor allem industriepolitische Interessen in den Mittelpunkt rückt. Auch die Zählweise ist problematisch, weil sie impliziert, dass es sich um vier in sich abgeschlossene Prozesse handelt. Alternativ kann diese Phase auch als Vollendung eines historischen Prozesses betrachtet werden, der mit der Mechanisierung des 18. Jahrhunderts begann. (siehe auch: „Second Machine Age“ McAfee /Brynjolfsson (2014))
Institutionen Sind allgemein implizite (wie „gutes Benehmen“) oder explizite (kodifizierte, gesetzliche oder religiöse) Regeln, nach denen eine Gesellschaft ihre Interaktionen gestaltet und ihr Zusammenleben ordnet.
Internet of Things (IoT) (Alltags-) Gegenstände werden mit Prozessoren, Sensoren bzw. eigener Algorithmik ausgestattet und vernetzt. So können etwa Produkte über ihren Produktlebenszyklus verfolgt und individuellen Nutzern und Nutzungsbedingungen zugeordnet werden. So sind etwa geschlossene Produktkreisläufe abbildbar. Denkbar ist z. B., dass  Batterien für Kleingeräte ihrem Käufer zugeordnet und eine falsche Entsorgung sanktioniert werden kann (Strafe).
Kontingenz „Kontingent ist etwas, was weder notwendig ist noch unmöglich; was also so, wie es ist (war, sein wird), sein kann, aber auch anders möglich ist“ (Luhmann, N. (1987): 152). Kontingenz beschreibt gesellschaftliche und ökonomische Möglichkeitsspielräume, die sich u. a. durch Innovationen und soziale Experimente verschieben. Hier spiegelt sich das Double Movement (-> Transformation) auf einer Mikroebene wieder, Innovation und Experiment kann man als Störungen und Grenzverschiebungen im Bezug auf Handlungs-Möglichkeiten betrachten.
Konvergenz Das logische, zeitliche oder räumliche Zusammenkommen bis dato unabhängiger Entwicklungen, Konzepte, Technologien oder Prozesse. Hier auf Basis der Digitalsierung. Bsp.: Bio-Engineering.
Künstliche Intelligenz (KI, AI) Die Idee, die Prozesse menschlichen Denkens und Fühlens mittels Computersysteme abzubilden. Ob und in wieweit das Ziel erreicht werden kann, ist umstritten. Jedoch kommt man durch verbesserte Algorithmen und exponentiell wachsender Rechenleistung dem Ziel tendenziell näher (z. B. Watson von IBM). Grundsätzliche Kritik u. a. Becker, L. (1994). Computer können jedoch bis zu einem gewissen Punkt durch Simulation (-> Big Data) bestmögliche Entscheidungen aus einer Vielzahl von Entscheidungsmöglichkeiten auswählen. Zudem sind im gewissen Umfang vernetzte Lernprozesse (etwa durch Ausschluss nicht erfolgreicher Problemlösungen) möglich.
Nachhaltigkeit Vielschichtiges und kontrovers diskutiertes Konzept, das im Wesentlichen auf dem Gedanken der Intra- und Intergenerationengerechtigkeit basiert. Es geht vorrangig um das Ziel, heutigen und künftigen Generationen eine gelingendes bzw. gutes Leben zu ermöglichen (soziale Nachhaltigkeit), gesellschaftliche Strukturen zu stabilisieren (kulturelle Nachhaltigkeit), die Prozesse der globalen Güterallokation gegen Störungen zu schützen (ökonomische Nachhaltigkeit, Resilienz) sowie die planetarischen Lebensbedingungen, zum Beispiel durch das Vermeiden von Raubbau, das Sichern von Artenvielfalt, das Vermeiden von toxischen Emissionen und Ressourceneffizienz auch für künftige Generationen zu erhalten (ökologische Nachhaltigkeit). Alle vier Aspekte sind eng miteinander verwoben und können deshalb nicht isoliert betrachtet werden. Mitunter wird jedoch versucht, unter dem Deckmantel der Nachhaltigkeit ökonomische Partikularinteressen zu legitimieren (Pink- oder Green Washing).
Null Grenzkosten Gesellschaft Auf Jeremy Rifkin (2014) zurückgehender Gedanke, dass die Kosten einer digitalen Kopie gegen Null gehen, was in der Konsequenz der Digitalisierung zu einer neuen Wirtschaftsordnung führen muss
Ökonomisches Prinzip Prinzip der Verfolgung des Ziels der Gewinnmaximierung, auch unter Unterordnung sozialer, ökologischer oder kultureller Faktoren
Pfadabhängigkeit Beschreibt die Idee, dass bestimmte Weichenstellungen im Zeitverlauf bestimmte Konsequenzen haben müssen, also Möglichkeiten eröffnen bzw. in Sackgassen führen. Wenn man etwa einen bestimmten Zustand in der Zukunft herbeiführen und vermeiden will, stellt sich die Frage welche Weichenstellung man in der Gegenwart oder der nahen Zukunft vornehmen muss, um das gewünschte Ergebnis erreichen zu können.
Plattform Der Begriff Plattform steht heute für höchst unterschiedliche Konzepte, meist auf Basis gemeinsamer Standards, Definitionen, Institutionen oder Prozeduren. So finden wir den Begriff mit unterschiedlichen Konnotationen etwa in der Architektur, im Maschinenbau, in der Informationstechnologie, im Automobilbau, in der Seefahrt, im eBusiness oder im Marketing. Aus ökonomischer Perspektive verstehen wir Plattformen als Systeme, die die eine Agenturfunktion zwischen Marktteilnehmern (siehe: Two Sided Markets) wahrnehmen oder bestimmte Funktionen des Marktes internalisieren bzw. kommerzialisieren.  Als System können Plattformen zentral oder dezentral (verteilt) sein. Aus Owner-Perspektive können Plattformen geschlossen und privat (Buchungsplattformen), aber auch offen und commons-basiert sein (Wikipedia). Plattformen können „Enabler“ und „Gatekeeper“ sein.
Rationalisierung (Planvolle) Anwendung des Rational- bzw. Effizienzprinzips. Rein „technische“ Perspektive ohne normative Grundlage.
Regime Soziologischer Terminus: Gesellschaftliche (ökonomische) Institutionen, Regeln oder Normen bestehen deshalb, weil sie (ohne sie zu hinterfragen) von individuellen und kollektiven Akteuren in ihrem Handeln befolgt und dadurch reproduziert werden. Regimes stabilisieren Wirtschaft und Gesellschaft, widersetzen sich aber auch dem (möglicherweise notwendigen) Wandel (siehe auch -> Strukturation)
Roboter Maschinen, die menschliche Eigenschaften, Fähigkeiten und komplexes menschliches Handeln emulieren bzw. verstärken. Humanoide Roboter sollen das Spektrum der menschlichen Fähigkeiten zur Interaktion mit Menschen und Dingen möglichst universell substituieren und verbessern. (Der Begriff entstammt dem tschechischen robota, was Zwangsarbeit oder Frondienst bedeutet)
Sharing Economy Folgt dem Prinzip „teilen statt besitzen“. Dabei gibt es kommerzielle (Car2Go, AirBnB) und nicht kommerzielle (Foodsharing) Akteure. Problem der Kommerzialisierung: In der Sharing Ökonomie werden immaterielle Werte (Tausch, Gemeinschaft,…) am Ende in materielle Werte (Shareholder Value bei AirBnB & Co.) überführt.
Strategie Compositum aus griech. „stratos“ (Heer, hier auch im Sinne von Organisation) und „ago“ (führen“) bezeichnet das an Zwecken orientierten Führungsentwurf im Bezug auf eine Gruppe oder Organisation (alignment) unter wechselnden Bedingungen im Hinblick auf einen wünschenswerten Zustand in der Zukunft.
Strukturation Die Strukturationstheorie geht auf Anthony Giddens (1984) zurück. Formalisierte und nicht-formalisierte Regeln in Organisationen  müssen von den Akteuren interpretiert werden. Deshalb ist abweichendes Verhalten möglich. Strukturen sind sowohl Grundlage als auch Ergebnis sozialen Handelns, Struktur und Handeln bedingen und formen sich also gegenseitig. Dadurch wird Entwicklung möglich.
Technologische Singularität Fasst verschiedene utopische Überlegungen zusammen und bezeichnet u. a. den historischen Punkt in der Zukunft, an dem sich Computer selbst weiter verbessern können, um damit den technischen Fortschritt tendenziell der menschliche Kontrolle entziehen. Der Zeitpunkt ist umstritten (möglicherweise Mitte dieses Jahrhunderts), die grundsätzliche Machbarkeit kaum. Damit einhergehende Ideen sind erweiterte Intelligenz (Augmented Intelligence) oder das Ziel des Transhumanismus, menschliche Unsterblichkeit (-> CRISPR) zu erreichen.
Technological Unemployment Durch Rationalisierung (Technisierung, Digitalisierung) wegfallenden Arbeitsplätze können nicht (kurz- bis mittelfristig bzw. innerhalb der bestehenden Wirtschaftsordnung) ersetzt werden. Historischer Begriff, der unter anderem durch die Forschungen von Andrew McAfee und Erik Brynjolfsson (2011) an Aktualität und Brisanz gewonnen hat.
Transformation Beschreibt den Prozess des Auflösens und Neukonfiguration gesellschaftlicher Strukturen und Spielregeln. Die neuen Möglichkeiten werden nicht passiv übernommen, sondern rekombiniert und hybridisiert, sowohl subversiv oder in einem kulturkonservativen Sinne reinterpretiert und in neue Sinnzusamnenhänge und institutionelle Arrangements übersetzt. Der spannungsgeladene Prozess wird von Karl Polyani (1944) als „Double Movement“ zwischen „Self-Regulation of the Market“ und „Self Protection of the Society“ beschrieben. (siehe auch -> Strukturation)
Transformative Wissenschaft 2011 wurde vom WBGU (Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen) eine „transformativen Forschung“ angemahnt, woran sich sich eine intensive Debatte um eine „transformative Wissenschaft“ (Schneidewind/Singer-Brodowski 2013, Strohschneider 2014, Wissenschaftsrat 2015, Schneidewind/Pfriem et al. 2016) anschloss. Hier geht es vor allem um die Forderung nach einem intra-, inter- und transdisziplinären Zugang zur einer Wissenschaft, welche sich kritisch an politisch-gesellschaftlichen Prozessen und der Gestaltung einer neuen Wirtschaftsordnung beteiligt und dabei unter anderem die Entwicklung von Wohlfahrtskonzepten unter den Bedingungen von ökologischer, sozialer und kultureller -> Nachhaltigkeit begleitet.
Virtual Reality Künstliche am Computer erzeugte Welten, die man mit geeigneten Mensch-Maschine Schnittstellen (z. B. VR-Brille, Flugsimulator) sensorisch (visuell, akustisch, haptisch, oleofaktorisch) erfahrbar machen kann.