Bergische Klimagespräche #BKG2018

Kunst, Kultur und Transformation“ lautete der Arbeitstitel der 2. Bergischen Klimagespräche  auf dem Heiligen Berg. Die Klimagespräche wurden 2009 von Reinhard Pfriem und Wolfgang Sachs zunächst als Spiekerooger Klimagespräche ins Leben gerufen. Seit 2017 finden die Gespräche im Bergischen, zuerst in Solingen und dieses Mal in Wuppertal statt. Die wissenschaftliche Leitung der nun unter der Ägide des Wuppertal Instituts stattfindenden Tagung liegt bei Reinhard Pfriem und Uwe Scheidewind, die von Hans-Jürgen Heinecke als Moderator sowie einem kleinen Vorbereitungsteam, dem auch ich die letzten beiden  Male angehören durfte, unterstützt werden.

Uwe Schneidewind arbeitet in seinem unlängst erschienen  Buch „Die Große Transformation. Eine Einführung in die Kunst gesellschaftlichen Wandels“ ganz zentral mit dem Begriff der „Zukunftskunst“.  Für Reinhard Pfriem sind Unternehmensstrategien, wie wir im 2. Semester des Masterstudiengangs Sustainable Marketing & Leadership lernen, „kulturelle Angebote an die Gesellschaft“. Was läge also näher, als die Frage, ob und wie Kunst und Kultur dazu beitragen können, das gesellschaftliche Bewusstsein im Bezug auf nachhaltigen Entwicklung zu schärfen, und inwieweit sie dazu beitragen können, unsere Welt am Ende ein wenig besser zu machen.

Die Stadt als Transformationsraum

Transformationsraum Wuppertal Viadukt Nordbahntrasse

Transformationsraum Wuppertal Viadukt Nordbahntrasse Lutz Becker 2018

Im 21. Jahrhundert werden über den Daumen 80 Prozent des Globalen Sozialprodukts in Städten erzeugt. Im Master Sustainable Marketing und Leadership haben wir die Stadt („Nachhaltige Strategien für die Stadt“, „Tier2 und Tier3 Quartiere“) immer wieder als Lernlabor genutzt. Hier, an dieser Schnittstelle zwischen Menschen und den sie umgebenden Systemen, kann man Fragen nach Nachhaltigkeit und Verantwortung, die Frage danach, was Marketing in und mit der Stadt macht, oder wie Leadership und Governance in Städten wirken, stellen.

Und nun Wuppertal. Ich kenne die Stadt seit meiner Studienzeit. Deshalb waren die zweiten Bergischen Klimagespräche auch eine Art Heimkehr für mich. Mich fasziniert diese Stadt. 

Wuppertal ist an allen Ecken irgendwo kaputt und doch voller Leben. Ich habe selten ein solchen Kontrast zwischen bitterer Armut auf der einen Seite, pompösen Relikten alter Erfolge und obszön auf vier Rädern zur Schau gestellten Neureichtum erlebt. Einen Kontrast zwischen paralysierender Hoffnungslosigkeit und fast schon naiver Aufbruchstimmung. „In diesen drei Tagen habe ich Wuppertal lieben gelernt (abgesehen von neuem Primark gegenüber dem sanierten HBF)“,  fasst der Stadt- und Transformationssoziologe Davide Brocchi (mit einem Augenzwickern in der Klammer) sein Wuppertaler „Erweckungserlebnis“ zusammen.

Wuppertal war noch nie langweilig. Wuppertal war immer widersprüchlich. So widersprüchlich wie ihr vielleicht berühmtester Sohn, Friedrich Engels, der Vertreter der Oberschicht, der mit den Arbeitern auf den Barrikaden der Haspeler Brücke kämpfte. Ein Denker mit dem man sich in der Stadt gerne schmückt, der oft verehrt, aber nicht selten gehasst wird. Ein Sohn der Stadt, der von dieser Stadt mit einem Bann belegt wurde, ein Bann der seither nie wieder aufgehoben wurde. Irgendwie war Wuppertal auch immer die Stadt der Schmuddelkinder. So ist Wuppertal die Stadt, in der der westdeutsche Punk genau so Wurzeln schlagen konnte, wie die in ihrer Heimatstadt Solingen oft mit kulturkonservativem Naserümpfen betrachtete Pina Bausch das Tanztheater revolutionieren konnte. Die ersten Performances habe ich in Wuppertal erlebt, ebenso wie ich die ersten Graffitis dort im öffentlichen Raum gesehen habe (außer an meiner Schule, aber das ist eine andere Geschichte). Auch die heterodox-kritische Wuppertaler Ökonomie meiner Studienzeit wäre anderenorts wohl kaum denkbar gewesen.  

Wuppertal ist die Stadt, in der Industrialisierung die Bewegung der Stadt nach den ureigensten Regeln der Rationalisierung geprägt hat. Nur, dass das Fließband der Stadt, die Schwebebahn, Menschen und nicht, wie bei Henry Ford, Autos nach den Taktstock eines Fredrick Winslow Taylor bewegt. 

Und dann abseits dieses fließenden Bandes entstehen Räume wie Löcher, die gefüllt werden und gefüllt werden wollen. Dann ist Wuppertal wieder wie eine bunte Wundertüte, die hinter jeder Ecke kleine und große Überraschung ausspuckt. Unerwartet. Irritierend. 

Deshalb ist Wuppertal für Sozialwissenschaftler, Ökonomen und Künstler eine wunderbare Spielwiese, ein Labor in dem sich Experimente längst selbständig gemacht haben. Hier also sollten wir drei Tage abseits jeder Diszplinarität tagen.

Jenseits von PowerPoint

Das Format der Klimagespräche, ob auf Spiekeroog oder im Bergischen, baut auf zwei Säulen auf. Erstens sind die Gespräche konsequent interdisziplinär, und zweitens sind sie ein reines Diskussions- und Arbeitsformat, völlig ohne PowerPoint Karaoke.

In diesem Jahr kam eine beeindruckende Melange aus Akteuren unterschiedlichster Provenienz aus Wissenschaft, Kulturkreation und -management sowie Stadt- und Raumplanung zusammen. 

Im Vorfeld der Tagung sollte die Teilnehmer Thesen zum Kontext der formulieren oder als Kunst- und Kulturschaffenden Werkbeispiele vorstellen. In meinem Fall war es die folgende These:

Grundsätzlich müssen wir zwischen dem weiteren Begriff der Kultur und dem engeren der Hochkultur (im Sinne von Jürgen Bolten, 2007), zu dem die Kunst zählt, unterscheiden. Kultur im weiteren Sinne hat die Funktion der Sicherung des gesellschaftlichen und damit auch ökonomischen Funktionserhalts. Die primäre Funktion von Hochkultur ist die machtvolle Inszenierung dieses Funktionserhalts. Man denke an die Inszenierung von Gesellschaft in Bayreuth, oder an den Politiker oder Unternehmer, der sich im Interview vor einem großformatigen Gemälde inszeniert. Kunst kann aber auch eine subversive Funktion haben, indem sie die vorherrschenden Inszenierungen untergräbt. Dadurch entstehen Konflikte zwischen Veränderungsdruck und Stabilisierungsdruck, und damit ein potenzielles Auflösen von Kopplungen, wodurch erst Möglichkeit zur Adaption an sich ändernde Umweltbedingungen eröffnet wird. 

Die Ergebnisse erarbeiten die Teilnehmer im Wechsel von zwei Gruppenkonstellationen. Neben der theoretischen Auseinandersetzung in vier parallelen Gruppen wurden dieses Mal vier „Expeditionen“ in die Stadt veranstaltet. Jede Expeditionsgruppe hatte mehrere Anlaufstellen, an denen sie sich vor Ort über Kultur und sozio-ökonomische Bedingungen informieren konnte. In meiner Gruppe war es das Opernhaus, die „Oase Oberbarmen“ vor der alten Färberei sowie das ehemalige Bob Kulturwerk, eine frühere Textilfabrik, die nun von Eignerfamilie mit einem gemeinnützigen Verein und Unterstützung der Montag-Stiftung neu entwickelt wird. 

Expedition in einen unbekannten Raum

Von links: Berthold Schneider, Opernintendant der Wuppertaler Bühnen, Christian Koch, Projektgeschäftsführer Pina Bausch Zentrum und Lars Emrich, künstlerischer Leiter, Kinder- und Jugendtheater Wuppertal

Oase Oberbarmen

Überraschend war für mich die Nähe von Kunst und Sozialem, was nicht zuletzt auch den oft prekären Bedingungen, unter denen Kunstschaffen stattfindet, geschuldet ist. Die Oase Oberbarmen hat sich zum Beispiel die Aufgabe gegeben, mit Hilfe ungewöhnlicher Mittel in Gespräche zu kommen. Was, wie wir uns vor Ort überzeugen konnten, auf eine beeindruckende Art und Weise auch gelingt.

Eine der Aktionen: Am Abend nach der letzten Bundestagswahl wurden die Plakate mit Fotos von 111 Einwohnern des Quartiers Oberbarmen überklebt, um so die vielen anonymen Anwohner, oft Arme, Arbeitslose und Migranten, die sonst im Unsichtbaren bleiben, in ihrem Stadtteil sichtbar zu machen.

Oper Wuppertal

Ganz anders die Situation im Opernhaus: Wie schafft es ein Kulturtempel, der in allen Fugen und Fasern die Elitenkultur des 19. und 20.  Jahrhunderts widerspiegelt, niedrigschwellige Angebote zu schaffen? Wie geht das Haus mit einem (allein schon biologisch) aussterbenden Klientel um, und wie öffnet sich für die neuen Soziotope der Stadt?

BOB Kulturwerk

Schwierig wurde es dann beim Bob-Kulturwerk. Im Rahmen der städtebaulichen Entwicklung des Objektes kommt es unweigerlich zu Konflikten. Während alte Mieter gehen müssen, wird Raum für Neues (unter anderem ein Kindergarten) geschaffen. Wie gehen wir mit solchen Konflikten um? Was ist legitim und wo sind die konkreten Grenzen der Legitimität? Fragen die auch für uns offen blieben.

Ein kleines Bergisches Fazit

Ergebnisse „Expeditionsgruppe Ost“ (Isabel Finkenberger u. a.)

Klima und Wirtschaften, Soziales und Kultur können und dürfen nicht isoliert gedacht werden, zumindest nicht, wenn wir gangbare Lösungen für das Klimaproblem suchen und umsetzen wollen.  Ob Kunst und Kultur allein die notwendigen Utopien und Handlungsentwürfe liefern können, bezweifle ich. Einerseits wäre das eine unangemessene Messlatte, zum anderen muss am Ende die gesellschaftliche und ökonomische Wertschöpfung auch organisiert werden.

Diese abschließende Frage nach  WERT-Schöpfung („Welcher Wert für wen?“, eine Frage, die wir uns im Studiengang immer wieder stellen), WERT-Wahrnehmung und In-WERT-Setzung (Nicht umsonst heißt ein Modul im dritten Semester „Wertorientierte Führung“) von Kultur und Sozialem sind ureigenste ökonomische Fragestellungen, die aber auch die Ökonomen auch nicht alleine beantworten können.

Weiterführende Literatur:

Becker, L./Montiel Alafont, F. J. (2015): Warum in interkulturellen Projekten das wahre Leben tobt; in:Becker, L./Gora, W./Wagner, R.: Erfolgreiches Interkulturelles Projektmanagement, Düsseldorf (Symposion)

Pfriem, R./Schneidewind, U./Barth, J/Graupe, S./Korbun, Th. (Hg.) (2017):Transformative Wirtschaftswissenschaft im Kontext nachhaltiger Entwicklung, Marburg (Metropolis)

Scherf, J./Becker, L. (2018): Nachhaltigkeitsstrategie auf kommunaler Ebene unter Einbeziehung von Multi-Stakeholder-Diskursen; in: Ökologisches Wirtschaften 2/2018: 35-40

Fotos: Lutz Becker 2018