Ein Diskussionsbeitrag

Hidden, lost & data driven – Wo sind die Werte im Meer der Daten? hieß der Titel einer Podiumsdiskussion unter Federführung von Creative.NRW am 25. Oktober 2018 in der Wuppertaler Utopiastadt. 

Als Teilnehmer des von Joachim Beck (Beck und Consorten) moderierten Panels debattierten die Unternehmerin Dorothee Becker (Gebrüder Becker), Carolin Paulus (Creative.NRW), Helge Frederik Lindh (Bundestagsabgeordneter), Matthias Hornschuh (Musiker und Komponist), Christian Hampe (Utopiestadt) und ich vor und mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Gesellschaft und Kreativwirtschaft anhand der vier Leitfragen:

  • Welche Daten brauchen wir, um ein gutes Leben beschreiben und gestalten zu können?
  • Gibt es Bereiche, in denen Kreativität und Kunst durch Messung und Quantifizierung ihren Reiz verliert?
  • Wie können wir Werte im Sinne der Hidden Values (z.B. Daten, Einzigartigkeit) nutzen, ohne sie ihrem Wert (Definition 2) zu berauben, z.B. durch zu starke Ökonomisierung?
  • Welche Werte braucht die Kreativwirtschaft?

Hidden, lost & data driven – Wo sind die Werte im Meer der Daten? from CREATIVE.NRW on Vimeo.

Da man in einer Podiumsdiskussion nur Anregungen geben, aber nicht alles in aller Tiefe diskutieren kann, breite ich meine Thesen hier noch einmal ein wenig aus, wobei ich das Thema „Daten“ zunächst auslasse und auf einen in Bälde erscheinenden Text verweise:

Becker, Lutz (2019): Schumpeters blinder Fleck. Das Spannungsfeld zwischen Markt und Unternehmer im Zeichen der Plattform-Ökonomie. In: Hans Frambach, Norbert Koubek, Heinz D. Kurz und Reinhard Pfriem (Hg.): Innovation, Schöpferische Zerstörung und die Zukunft des Unternehmertums. Zur Aktualität von Joseph A. Schumpeter. Marburg: metropolis, (in Vorbereitung).

Warum wir Werte brauchen

Als die Menschen vor 10.000 Jahren sesshaft wurden, mussten sie Vereinbarungen finden, um ihre neue Form der Gemeinschaft zu ermöglichen und zu erhalten. 

Die großen Erzählungen gingen nicht mehr, wie bei Sammlern und Jägern, darum, die Orientierung und das Überleben in der Natur sicherzustellen. Die neu entstandenen Erzählungen haben in komplexen sozialen Gemeinschaften die Funktion Group Fitness, das Überleben der Gemeinschaft unter wechselnden ökologischen – und nun auch sozialen und ökonomischen – Umweltbedingungen zu gewährleisten. 

Es waren die Religionen, die das gesellschaftliche Leben wesentlich und mit prägender Wirkung bis in die möglicherweise aufgeklärte Gegenwart hinein strukturiert haben. Bei fast allen Religionen haben wir so etwas wie die zehn Gebote, die gesellschaftliche Normen und Werte kanonisieren, das organisierte Zusammenleben in immer größer werdenden Siedlungen ermöglichen, aber auch Abweichungen von der manifestierten Norm sanktionieren.  [1]

Werte, Kultur, religiöse und gesellschaftliche Gesetze bedingen sich immer gegenseitig. Werte und Kultur haben die Funktion, nicht alles gesellschaftliche Handeln im Detail regeln oder aufs Neue aushandeln zu müssen. Deshalb sind geteilte Werte notwendige Voraussetzung für Freiheit und Eigeninitiative.  

Mit der Globalisierung, der Aufklärung sowie den zunehmend internationale verzahnten Wertschöpfungsketten musste der interpretativen Hoheit der einzelnen Religionen ein Konzept entgegengestellt werden, das ein organisiertes Zusammenleben auf einem kleiner werdenden multiethnischen und multireligiösen Globus ermöglicht. Damit wurde die Würde eines jeden Menschen, unabhängig von gesellschaftlichem Status, ethnischer Zugehörigkeit oder kulturell wie religiös geprägten Riten und Praktiken, zum zentralen Wert erklärt. 

Ein Meilenstein war 1948 die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen.  Gleich der Artikel 1 lautet:

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.“

Ein Jahr später, 1949, greift das Grundgesetz der jungen Bundesrepublik Deutschland in Art 1 das Motiv der Würde prominent auf. In Satz (1) heißt es dort:

“Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.”  

Einen weiteren Meilenstein bilden die Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2012. Diese wurden aus der Erkenntnis heraus entwickelt, dass Menschenwürde nicht im luftleeren Raum entsteht, sondern an konkrete Bedingungen geknüpft ist. Deshalb werden die Sustainable Development Goals als Grundwerte und „Quasi-Menschenrechte“ gehandelt, vor allem weil, wie zum Beispiel bereits 1972 in den Freiburger Thesen festgestellt wurde, die „Menschenwürde durch Zerstörung der Umwelt bedroht“ wird.

Source: https://www.un.org/sustainabledevelopment/news/communications-material/ (02.11.18)

Source: https://www.un.org/sustainabledevelopment/news/communications-material/ (02.11.18)

Peter Ulrich hat gesagt, dass sie komplexer die Facts werden desto wichtiger werden gemeinsame Wertvorstellungen. Gerade in bewegten Zeiten braucht man oberste Werte als Anker:  Wenn wir über Werte sprechen, dann zählt im Idealfall das Ganze als Maßstab.

Quantifizierung des Wertvollen

Interessant ist für mich als Wirtschaftswissenschaftler vor allem die Frage, wie sich Werte in monetären Größen ausdrucken. Neben den klassischen Theorien, wie Grenznutzen– oder Arbeitswert-Theorien, hilft uns der Begriff des Wertewandels weiter. Nämlich dann, wenn sich die gesellschaftlichen Wertvorstellungen verschieben, erlangen andere Dinge einen Wert, für die wir dann auch bereit sind, einen Preis zu zahlen. Diese Verschiebungen lassen sich untersuchen. 

Werte setzen immer voraus, dass sie auch realisiert werden können. Wenn man, wie in Unternehmen leider oft üblich, nur auf die Zahlen (numerische Werte) schielt und dabei das Gesamtsystem (gesellschaftliche Wertfundierungen) aus den Augen verliert, verzerrt sich die Perspektive. Ganz schwierig wird es vor allem, wenn gemeinschaftliche Wertvorstellungen mit individuellen Interessen kollidieren, und wenn der monetäre Wert noch zum Selbstzweck wird.  Jüngstes Beispiel: 55,2 Milliarden Euro. Das ist die Summe, die offensichtlich ein organisiertes System aus Anwälten, Investment-Bankern und Investoren aus den Händen der Steuerzahler umgeleitet haben.  Allein 31,8 Milliarden Euro vom deutschen Steuerzahler, der besonders geplündert wurde.

„Was können die Kreativen tun?“

Das war eine der zentrale Fragen der Veranstaltung. Eine der interessantesten und lehrreichsten Episoden der Kultur- und Wirtschaftsgeschichte ist die niederländische Bollengekte, auch Tulpenfieber genannt. Die Kunst und die (was ich sehr schade finde:) etwas ins Hintertreffen geratene Mode des Stilllebens ist wesentlich aus ökonomischen Gründen im Kontext der Tulpenspekulation entstanden. Da die Tulpenhändler mit Zwiebeln handelten, mussten sie Kataloge haben, in denen Abbildungen der blühenden Pflanzen gezeigt wurden. Im wirtschaftlichen Interesse entwickelten einige Künstler  “blühende” Phantasien. Diese Praxis stützte wesentlich Spekulation, Betrug und Blasenbildung. Die wiederum führte einerseits das damalige Europa in eine tiefe wirtschaftliche und gesellschaftliche Krise, andererseits schenkt sie uns bis heute Werte, nämlich wunderschöne Kunst und knallharte Spekulationsobjekte.

Auch vor diesem Hintergrund muss man kritisch die Frage stellen, ob und in wieweit die Kreativen allein schon aus wirtschaftlichem Verwertungsinteresse Claqueur einer bestimmten Art und Weise, wie wir jeweils wirtschaften, sein müssen. Oder ist es nicht explizit Aufgabe der Kreativen, Fragen zu stellen, zu stören, Perspektiven zu wechseln und  kreative Spannungen zu erzeugen? Ob sich das aber mit dem Terminus Kreativ-“Wirtschaft” verträgt, muss geklärt werden. 

Randbemerkung

[1] Hier liegt ja genau der Grund der Geldökonomie. Damit immer größere Gemeinschaften zusammen leben konnten, mussten die Waren geschickt allokiert werden (in dem z. B. Waffen und Werkzeuge gegen Brot effizient getauscht werden konnten). Zudem musste der religiöse bzw. administrative Apparat durch Opfergaben, Steuern oder andere Zuwendungen finanziert werden. Dafür musste man wissen, was vor dem Hintergrund wechselnder Ressourcenverfügbarkeit mehr „wert“ ist, ein Sack Getreide oder drei Hühner.

Weiterführende Quellen

https://www.creative.nrw.de/news/artikel/daten-werte-wertschaetzung.html

Becker, L. (2019): Schumpeters blinder Fleck. Das Spannungsfeld zwischen Markt und Unternehmer im Zeichen der Plattform-Ökonomie. In: Frambach, H./Koubek, N./Kurz, H. D, und Pfriem, R. (Hg.): Innovation, Schöpferische Zerstörung und die Zukunft des Unternehmertums. Zur Aktualität von Joseph A. Schumpeter. Marburg (Metropolis) (in Vorbereitung).

Becker, L. (2017): Transformation, Kultur und das Digitale: Transformative Wissenschaft als Grenzgang; in: Pfriem, R./Schneidewind, U./Barth, J/Graupe, S./Korbun, Th. (Hg.): Transformative Wirtschaftswissenschaft im Kontext nachhaltiger Entwicklung, Marburg (Metropolis): 463-485

Becker, L./Sohn, G. (2017:2018): Utopie Podcast #KönigVonDeutschland.