Wie Menschen in Organisationen kommunizieren, das hat mich spätestens seit meinen ersten Ferienjobs als Schüler in Lägern, Fabriken und Büros beschäftigt. Deshalb hat mich im Studium auch die Kommunikationstheorie und vor allem die Lehre von den Zeichen, die Semiotik, fasziniert. Beide wurde mir damals von Siegfried Maser näher gebracht, der mich auch zu meinen ersten Lehrauftrag an der Uni Wuppertal “verdonnert” und mich damit sanft und mit einiger Verzögerung in die akademische Karriere hineingeschubst hat.

1987 bekam ich dann bei Philips die Chance, mich praktisch (und natürlich auch ein wenig theoretisch) mit Kommunikation in Organisationen zu beschäftigen. Philips hatte damals mit SOPHO-Plan eine Softwarelösung, mit der Kommunikationsstrukturen in Unternehmen analysiert und geplant werden sollten. Technisch basierte das ganze auf einer (zugegebenermaßen damals noch ziemlich schwachen) Künstlichen Intelligenz (KI, hier wohl besser: ein Expertensystem) namens Guru. Ziel war es herauszubekommen, wer aus welchem Anlass wie oft mit wem über welches Medium kommunizierte. Die Ergebnisse und Visualisierungen der Software sollten die Planung komplexer dezentraler Kommunikationssysteme und -architekturen erleichtern. Allerdings währte diese Episode für mich nur kurz, weil ich schnell erkannt habe, dass die Zeit damals nicht reif war, mit solchen Angeboten auch wirklich Geld zu verdienen. Da schien mir der Named Account Vertrieb die weit verlockendere Alternative.

Dieses Thema kam mit angesichts der Diskussion mit Wilfried Felser auf der Online Konferenz Next Economy Open #NEO18x wieder in den Sinn. Wir diskutierten am Rande der von ihm initiierten Session “Kritik der reinen Lehren der neuen Ökonomie” die Bedeutung von Rekursionen, also Feedback Schleifen, wie sie etwa bei agilen Methoden zum Einsatz kommen.

 

Winfried Felser mit Gunnar Sohn auf der #NEO17x, Hochschule Fresenius Köln

Solche Feedback-Schleifen sind wichtig, will man Kommunikationen verstehen und gelingende Kommunikationen ermöglichen – aber auch nur ein Teil der Geschichte. Nicht minder bedeutsam ist es, die sozialen Strukturen und die Prozesse zu verstehen, die die Kommunikation rahmen und bestimmen. In Organisationen – das können Unternehmen sein, Projektorganisationen oder gesellschaftliche Partizipationsprojekte – ist es unvermeidbar, “Kommunikationen zum Fließen” (Becker 2013 S. 137) zu bringen.

Anthony Giddens beschreibt in seiner Strukturationstheorie, wie sich Handel und Struktur gegenseitig bedingen. In der Konsequenz, so meine These, müsste es also möglich sein, auch über fiktionale Strukturen im Sinne der “Philosophie des Als-ob” von Hans Vaihinger konkretes (Interaktions-) Handeln zu beeinflussen.

Ich nutze in diesem Kontext gerne die Metapher von der “Interaktionslandschaften” . Dabei stellt man sich die Organisation als Landschaft vor, mit Quellen und Senken, mit unterschiedlichen Infrastrukturen (Kommunikationsflüssen, -straßen und -autobahnen), aber auch unüberwindlichen Bergen und Schluchten, in denen das Wesentliche versinken kann.

Mit Hilfe dieser metaphorischen Fiktion kann man auch komplexe Kommunikationsstrukturen möglicherweise vorstellbar und greifbar sowie in einer Gruppe mit-TEIL-bar machen.

Gleichzeitig bietet diese Vorstellung Ansätze dafür, kleine wie große Workshops zu strukturieren, oder – etwa in Lern- und Fokusgruppen – eine gemeinsame narrative Basis zu schaffen. Was uns da wieder zu den Thema “Transformation” und “Lernende Organisation” führt, mit dem wir uns unter anderem im Projekt Klima-LO befassen.

Weiterführende Literatur:

Becker, L. (2013): Projektmanagement als Führungskonzeption; in: Wagner, R./Grau, N.: Basiswissen Praktisches Projektmanagement, Düsseldorf: Symposion: 125-151

Becker, L. (2018): Lernende Organisation als Leitkonzept. In: Hurrelmann, K.; Becker, L.; Fichter, K.; Mahammadzadeh, M. und Seela, A. (Hg.)(2018): Klima‐LO: Klimaanpassungsmanagement in Lernenden Organisationen. Oldenburg, Köln, S. 27-53.

Eco, U. (2002): Einführung in die Semiotik, 9.: Stuttgart: utb

Giddens, A. (1984): The Constitution of Society. Berkley: University of California Press

Schuler, D./Becker, L. (2014): Lernende Organisationen gehen ans Netz; Schuler, D./Becker, L. (2014): Lernende Organisationen gehen ans Netz.In: Becker, L./Gora, W./Michalski, T. (Hg.): Business Development Management.
Von der Geschäftsidee bis zur Umsetzung, Düsseldorf: Symposion

Vaihinger, H. (1911): Die Philosophie des Als Ob. System der theoretischen, praktischen und religiösen Fiktionen der Menschheit auf Grund eines idealistischen Positivismus; mit einem Anhang über Kant und Nietzsche. Berlin: Reuther & Reichard.