Gerade musste ich an eine Podiumsdiskussion denken, die ich in den neunziger Jahren mit dem jung verstorbenen Wau Holland hatte – er in lila Latzhose, ich in Anzug und Schlips (Falls jemand den damals in Hannover gemachten Film noch findet: Ich wäre unendlich dankbar). Wau war nicht nur einer der Gründer des Chaos Computer Clubs, sondern auch ein brillanter Aphoristiker. Einer seiner Lieblingsaphorismen war, dass das Digital zwei (!)  Zustände habe: „An, aus oder kaputt“. 

Seit dieser Diskussion hat es das Digital mit Siebenmeilenstiefeln weitergetrieben. Es  ist aber nicht in seiner ursprünglichen Domäne verblieben, sondern es hat sich tief in das Analoge eingegraben. MP3 brachte Daten zum Klingen, meine iWatch spiegelt meine analogen Körperfunktionen in der Cloud und Maps und Beacons navigieren uns durch unser Leben. An, aus auf kaputt trifft auf immer komplexere Lebens- und Technologiewelten. Schwierig wird’s, wenn das eigensinnig soziale auf einmal verdatet, vermessen und standardisiert werden soll. Digitale Schublade auf und Mensch rein? Oder funktioniert das doch irgendwie anders? Aus “an, aus und kaputt” wurde zumindest bis jetzt das „ökonomisch eingegossene Dreigespann aus Praktiken des ‘Trackens, Rankens und Connectens'”. (S. 7) Diese Form der Digitalisierung ist, wie die Autoren betonen „weder Zufall noch Notwendigkeit“ sondern die Folge von Technologien getriebener Unternehmensstrategien, „die eine widersprüchliche Gemengelage aus Freiheiten und Unterwerfung herbeiführen“ (ebda.) 

Die Autoren, alle drei aus dem Dunstkreis der Oldenburger Schule um Reinhard Pfriem und Uwe Schneidewind, beschreiben einen lustvollen intellektuellen Dreier zwischen den Technologien des Digitalen, der Konstitution der Gesellschaft und unserer Wirtschaft mit ihren Kulturen und Praktiken. Dabei gelingt ein atemberaubender Parforceritt durch Philosophie, Sozialwissenschaft und Ökonomie:  In wissenschaftstheoretische Reflektionen lässt sich formulieren, dass es Wirtschaft gar nicht gibt. Es existiert kein Ding und keine Sache namens ‘Wirtschaft’. Es existieren lediglich zahllose soziale Praktiken der Produktion, Beratung oder Versorgung – abhängig davon, wer aus welcher Position über sie spricht. Manche dieser Kulturtechniken werden als ‘Wirtschaft’ reflektiert und behandelt.“ (S .  94)

Das  alles gelingt den Professoren Lars Hochmann (Cusanus Hochschule),  Stephanie Birkner (Uni Oldenburg) und der Coach und Berater Hans Jürgen Heinicke, eigentlich ein Urgestein der Autoindustrie, in elf Kapiteln auf nur 140 Seiten. Aus schwierigen Fragen der Digitalisierung wird so ein fulminanter kleiner Band, der so ziemlich das Klügste darstellt, dass ich in letzter Zeit zum Thema gelesen habe. Okay, gerade als Digitaler muss man sich auf Jargon und Sprachspiele des Bändchens einlassen und die analogen Gehirnwindungen rechtzeitig auf Betriebstemperatur fahren, bevor es einen Bluescreen gibt.

Die andere, nämlich die öffentliche Diskussion um Digitalisierung und Industrie4.0 ist dagegen ein banales Abziehbild des Hollandschen Dreiklangs: “Pro, contra oder Unsinn”. Zur Erinnerung: Es geht nicht allein um Technik, sondern um ganz grundlegende Entscheidungen über Versmartung oder Verzwergung unserer sozialen und ökonomischen Lebenswelt.  Das ist für jemand, der eine Welt aus Einsen, Nullen und Bugs sieht, sicher nicht einfach, weil es viele analoge Zwischentöne jenseits von an, aus oder kaputt gibt. Vor allem gilt: “Algorithmen produzieren Zukunft aus der Vergangenheit. Sie werden demnach in Ermangelung jener “facultas imaginandi” von der Sache her selbst sprachlos, wenn es um den Entwurf einer solchen Zukunft geht, die sich nicht aus der Vergangenheit bestimmen oder anderweitig “logisch” herleiten lässt.” (S.  122)

Der kleine Band sei all denen wärmstens ans Herz gelegt, die einmal Spaß daran haben, sich hinter die Kulissen der Digitalisierung zu denken. Ich denke, Wau Holland hätte seine Freude daran gehabt (-> Link zur Wau Holland Stiftung)

Lars Hochmann, Stephanie Berner und Hans Jürgen Heinecke (2020): Digitale Agonistik. Unternehmen der so oder anders digitalisierten Gesellschaft. Marburg. Metropolis Verlag. (Gibt es übrigens ganz analog beim Buchhändler um die Ecke)